Sowirog – das verschwundene Dorf

Im Jahr 1945 erscheint in Deutschland das Buch ›Die Jerominkinder‹ des ostpreußischen Schriftstellers Ernst Wiechert, der vor dem Krieg einige Romane über das Leben in seiner masurischen Heimat veröffentlicht hat und damit zum viel gelesenen Erfolgsautor avancierte. Auch der neue Roman spielt in der zivilisationsfernen Abgeschiedenheit der masurischen Wald- und Seenlandschaft. Erzählt wird die Geschichte des Jons Ehrenreich Jeromin, der mit sechs Geschwistern in einem kleinen Dorf aufwächst, am Ende der Jugendzeit auszieht, um „die Welt zu bewegen“, nach einem erfolgreichen Medizinstudium jedoch als Arzt zurückkehrt, um unter den einfachen Menschen seines Heimatdorfes zu leben und dort seine Aufgabe zu erfüllen.

Geschrieben hat Wiechert das Buch bereits zwei Jahre zuvor, aber nach einem mehrwöchigen Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald wegen einiger kritischer Bemerkungen zum Nationalsozialismus zieht Wiechert es vor, das Manuskript zunächst im Garten seines Hauses zu vergraben und erst nach dem Ende des Dritten Reiches einem Verleger anzubieten. Der Roman wird dann zu einem der ersten Bestseller im Deutschland der Nachkriegszeit, er gilt als das wichtigste Werk des Autors. Die epische Erzählung ist am Niedersee angesiedelt, einem Ort, den Wiechert gut kennt – wenige Kilometer entfernt, in Kleinort, ist er geboren, am Niedersee besucht er regelmäßig in den Ferien seinen Onkel, der dort in einer Försterei wohnt. So gelingt ihm glaubhaft die Schilderung des archaischen Lebens der Menschen in den kleinen Fischerdörfern rund um den See, in denen es keinen Strom gibt, kein fließendes Wasser und keine befestigten Straßen, in denen der Alltag noch ganz dem traditionellen Rhythmus einer jahrhundertealten Lebens- und Arbeitsform verhaftet ist.

So überzeugend das Leben der Menschen zwischen Wasser und Wald geschildert wird – die Familie Jeromin ist eine Erfindung Wiecherts, wie auch die anderen Figuren und Namen dieses Romans und der übrigen Bücher des Autors. Das Dorf aber, in dem die Geschichte spielt, gibt es tatsächlich: Sowirog. Es liegt am östlichen Ufer des Niedersees und hat zu der Zeit, als Wiechert mit der Niederschrift des Romans beginnt, etwa 110 Einwohner. Als das Buch veröffentlicht wird, ist es allerdings ein verlassenes Geisterdorf, und zwei Jahre später, als der zweite Teil des Romans erscheint, ist der Ort ganz vom Erdboden verschwunden. Schnell erobert sich die Natur das Gebiet zurück, auf dem fast vierhundert Jahre lang Menschen gewohnt und gearbeitet haben, auf dem Familien gegründet und Tote begraben wurden. Heute erinnert nichts mehr an Sowirog, nur ein paar alte Grabsteine mitten im Wald. Und der vergessene Roman eines vergessenen Autors.

Wie aber war das Leben tatsächlich in diesem Dorf am Ende der Zivilisation? War es wirklich so archaisch – in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Dörfer „im Reich“ längst Anschluss an die Zivilisation gefunden hatten, an Elektrifizierung, Straßenbefestigung und Kanalisation? Warum verschwand das Dorf so plötzlich vom Erdboden und wurde nie wieder aufgebaut? Was wurde aus den Bewohnern, haben sie das Ende des Krieges überlebt, und wohin hat es sie verschlagen? Fragen, denen nachzugehen interessant und spannend sein kann, wenn man die Geschichte der Jerominkinder gelesen hat und für einen Moment jenem Forschungszweig der Literaturgeschichte folgt, der sich mit realen Vorbildern fiktiver Geschichten und Erzählungen beschäftigt.

Zwei Generationen nach dem Ende des Krieges scheint es allerdings kaum noch möglich, etwas Näheres über den abseitigen Ort im Norden Polens in Erfahrung zu bringen. Das Dorf war viel zu klein und unbedeutend, es hatte zuletzt gerade zwölf Höfe, nicht einmal eine Kirche, und es wird in Quellen und Dokumenten kaum je erwähnt. Keine Adresskartei oder Anlaufstelle steht heute für Nachforschungen zur Verfügung, niemand, der über den Verbleib der letzten Bewohner etwas sagen könnte. Vor Ort in Polen kann oder will kaum ein Einheimischer Auskunft geben, und in Deutschland hat die Generation der Enkel das Thema ›Flucht und Vertreibung‹ längst abgehakt. So sind Phantasie und Hartnäckigkeit gefordert, wenn man das Thema trotzdem angehen will, wenn man sich etwa das einzige erhaltene Foto aus einem alten Bildband ansieht und ernsthaft der Frage nachzugehen versucht, wer in den einfachen Holzhäusern auf diesem Foto gelebt haben mag.

Eine erste Spurensuche gestaltet sich schwierig. Viele Briefe und Anrufe gehen hin und her, Nachforschungen im Internet, in Bibliotheken, in Archiven und Museen – unzählige Spuren, die irgendwo im Nichts enden. Und dann, nach langen Recherchen, doch endlich das erste Telefonat mit einer ehemaligen Bewohnerin des Dorfes. Besuche, Gespräche, Adressen von weiteren Bewohnern. Fahrten zu den letzten Überlebenden, zu früheren Bewohnern jenes fernen Dorfes, das in seiner Fremdartigkeit fasziniert, wie schon der Klang des Namens Sowirog – das polnische Wort für ›Eulenwinkel‹.

Am Ende erzählen sie dann, die letzten Zeitzeugen aus dem realen Dorf des Romans: vom einfachen Leben in einer abgeschiedenen Welt zwischen Wald und Wasser, von unbeschwerter Kindhheit und harter Alltagsarbeit, von Geburt und Tod, Vertreibung und Verlust, von den langen und harten Wintern, in denen die Wölfe kamen, und von den heißen Sommern, in denen man zur Marieninsel mitten im See schwamm, von Gespenstergeschichten und von Verbrechen, die es auch in einem so kleinen Dorf gab. Manches davon ist spannender als alles, was Wiechert in seinen Romanen je geschrieben hat. So wird die erzählte Geschichte zur wichtigen Ergänzung der literarischen Überlieferung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung… und schließlich zum erinnernden Symbol einer versunkenen Form des Lebens und Arbeitens.

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