Erinnerungen an Ostpreußen

Im Frühjahr 1998 habe ich meine Mutter gebeten, ihre Erinnerungen an die Kindheit in Ostpreußen und die Flucht im Winter 1945 doch einmal aufzuschreiben, damit diese Dinge nicht eines Tages ganz in Vergessenheit geraten und verlorengehen könnten. Meine Mutter war damals 65 Jahre alt, und es war über ein halbes Jahrhundert her, seit sie sich an einem kalten Freitagnachmittag mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in den Flüchtlingstreck eingereiht hatte, der vor der herannahenden Roten Armee überstürzt nach Westen zog. Neben ihr hat aus der engeren Familie nur der Vater den Krieg und die Nachkriegszeit überlebt – er war inzwischen 92 Jahre alt, hatte aber einige Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitten und konnte sich an viele Einzelheiten seiner ostpreußischen Jahre nicht mehr erinnern. Weder er noch meine Mutter noch irgendeiner der Verwandten, die nach dem Krieg über ganz Deutschland verstreut wurden, hatte bis dahin – soweit mir bekannt war – zusammenhängende Notizen über die Familiengeschichte oder das Leben in Ostpreußen hinterlassen.

Auch meine Mutter glaubte zunächst nicht viel Mitteilenswertes festhalten zu können, da zu viel Zeit vergangen sei und sie wenig Neigung verspürte, ihre Erinnerungen zusammenfassend in eine schriftliche Form zu bringen. Außerdem war sie beim Abschied von dem elterlichen Hof gerade erst elf Jahre alt gewesen und konnte viele Dinge, nach denen ich sie jetzt fragte, natürlich nicht wissen. Trotzdem wollte sie mir den Gefallen tun, und während sie dann ein paar erste Sätze aufschrieb, kam die eine oder andere Erinnerung wieder hoch… und ganz allmählich entstand so in einfachen Worten das Bild einer früh zuendegegangenen Kindheit und einer fernen Lebensweise, die sich in vielem von dem unterschied, was meiner Mutter inzwischen selbstverständlich geworden war und was ich nie anders kennengelernt habe.

Ich begann mich näher mit dieser ostpreußischen Welt zu beschäftigen: Ich besorgte mir historische Landkarten und kaufte eine Reihe Bücher, und ich sah, dass vieles, was meine Mutter aus ihrer Kindheit beschrieb und von dem sie mir erzählte, ebenso in anderen Lebenserinnerungen und Aufzeichnungen vorkam. Auch die dramatischen Schilderungen der Flucht tauchen in ähnlichen Bildern oder Beschreibungen immer wieder auf.

So sind diese knappen Erinnerungen also kein besonderes Dokument einer einzigartigen Geschichte – sie zeigen nur, wie ein kleines Mädchen damals in Ostpreußen gelebt hat, und was es in jungen Jahren, wie viele Andere, auf der Flucht erdulden musste. Und doch ist es eine individuelle, einmalige Geschichte, wie ja auch all’ die anderen Schilderungen jeweils ihren eigenen Mittelpunkt haben. Das darf man nicht vergessen, wenn man das Einzelschicksal – den Verlust der Heimat und der nächsten Angehörigen – im Zusammenhang mit millionenfachem anderen Leid sieht, wo die ungeheure Zahl der Flüchtlinge und der Toten jedes Einzelschicksal zu relativieren scheint. Andererseits gibt gerade diese Dimension den Erinnerungen das Prädikat eines Zeitdokuments, das über andere biografischen Notizen hinausgeht. Denn der Zweite Weltkrieg als Ganzes stellt sich im Rückblick immer mehr als weltgeschichtliche Zäsur dar, als möglicherweise größte von Menschen verursachte Katastrophe, die es auf der Erde jemals gegeben haben wird. Und neben dem Holocaust, der singulär bleibt, sind die Verbrechen der Roten Armee beim Einmarsch in Ostpreußen für sich eine einmalige Tat, auch mit den Gräueln anderer Kriege oder früheren (und späteren) Exzessen anderer Völker in ihrer Komplexität und Abgründigkeit nicht zu vergleichen.

Sechs Millionen Menschen sind damals aus den Ostgebieten geflohen – die größte Siedlungsbewegung in der Geschichte der Menschheit. Mehr als zwei Millionen Menschen starben insgesamt auf der Flucht, 218.000 Zivilpersonen (meist junge Frauen) wurden in russische Arbeitslager verschleppt, fast 10.000 Menschen starben in einer einzigen Nacht beim Untergang der „Wilhelm Gustloff“ (der größten Seefahrtskatastrophe aller Zeiten); die Zahl der vergewaltigten Frauen wird von Historikern auf 1,4 Millionen geschätzt, Zehntausende nahmen sich selbst das Leben: Zahlen, die das Ausmaß einer Tragödie von kaum vorstellbaren Dimensionen andeuten, die aber von dem Einzelnen, der daran beteiligt war, zunächst kaum verinnerlicht werden konnten, weil er eben jeweils „seine“ Mutter oder „seinen“ Sohn verloren hatte, und weil alle Schicksalsverbundenheit den individuellen Verlust nicht zu lindern vermochte.

Auch meine Mutter hat damals nahe Angehörige verloren, und bei der Niederschrift dieser Notizen wurde manche Erinnerung wieder wach. Es fiel ihr auch nach über 50 Jahren sichtlich schwer, von den letzten gemeinsamen Tagen und Stunden mit ihrem Bruder zu reden, und sie hat gerade diese Dinge, die ihr besonders eindringlich in Erinnerung geblieben sind, erst aufgeschrieben, nachdem alles andere fertig war und ich sie noch einmal darum gebeten hatte. Trotzdem hat es ihr zuletzt gut getan, nach so langer Zeit noch einmal davon reden zu können und abschließend das Erinnerte aufzuschreiben.

In der vorliegenden Reinschrift werden die knappen Notizen meiner Mutter durch einige Passagen und Zitate aus Büchern ergänzt, damit bestimmte Ereignisse verständlicher werden oder anschaulicher nachempfunden werden können. Ein paar Anmerkungen finden sich im Anhang – sie stammen aus einer kleinen Dokumentation, die ich parallel zu den Aufzeichnungen meiner Mutter angelegt habe und die nähere Angaben zu den hier erwähnten Orten und Landschaften enthält, sowie Anmerkungen zu einzelnen Detailfragen, genealogische Notizen usw. (von all dem habe ich hier nur dasjenige aufgenommen, was unmittelbar zum Verständnis der Erinnerungen beitragen oder dazu anregen kann, den Familienhintergrund durch neue Hinweise zu vervollständigen).

Die Aufzeichnungen waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Dass sie jetzt in Reinform vorliegen, hat seinen Grund darin, dass sie anderen Mitgliedern der Familie und deren Nachkommen zugänglich gemacht werden sollen und auf diese Weise als familiengeschichtliches Dokument erhalten bleiben können. Schriftliche Erinnerungsstützen (wie Stammbäume oder andere Familiendokumente) standen meiner Mutter nicht zur Verfügung. Wo immer sich also Fehler oder Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, muß um Nachsicht gebeten werden. Korrekturen und Ergänzungen sind willkommen, vielleicht kann so einmal eine erweiterte oder verbesserte Fassung dieser Aufzeichnungen entstehen.

(Aus dem Vorwort zu der Dokumentation ›Erinnerungen an Ostpreußen‹ von Elvira Ludwig, erschienen als Typoskript im Jahr 2003)

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