Ein stilles Leben

Im Herbst 1980 erfuhr der Pfarrer Helmut Umbach im nordhessischen Balhorn davon, dass das Wohnhaus und die Werkstatt des Sattlers Wilhelm Schaub im Zuge einer Dorfsanierung abgerissen werden sollten. Auf seine Bitte hin wurden die Werkzeuge dieses letzten Sattlers im Dorf über den Abbruch der Werkstatt hinaus aufbewahrt, um sie als kulturgeschichtliche Erinnerungsstücke zu erhalten und nach Möglichkeit in einer kleinen Dokumentation interessierten Lesern vorzustellen. Als dieser Wunsch fünf Jahre später verwirklicht werden konnte, erklärte sich Wilhelm Schaub auf eine entsprechende Bitte hin bereit, die alten Werkzeuge kurz zu erläutern und einige zusätzliche Angaben zu seiner früheren Arbeit zu machen. Bei dieser Gelegenheit war es naheliegend, ihn auch nach weiteren Erinnerungen zu fragen, denn Wilhelm Schaub war zu diesem Zeitpunkt mit 95 Jahren der älteste Einwohner Balhorns und er hatte noch immer ein sehr gutes Erinnerungsvermögen.

So ergab es sich, dass Wilhelm Schaub und seine Frau in einer Reihe von Gesprächen, die im Herbst 1986 geführt wurden, von ehemaligen handwerklichen Aufgaben und Arbeiten erzählten, von früheren Alltagsereignissen, dörflichen Gewohnheiten, persönlichen Erlebnissen und alten bäuerlichen Arbeitsabläufen. Diese Gespräche wurden aufgezeichnet und später zu der vorliegenden biografischen Skizze zusammengefasst.

Viele andere Einwohner in Balhorn hatten und haben natürlich ähnliche oder gleiche Erinnerungen und könnten ebenfalls interessante Dinge aus früherer Zeit erzählen, wie überhaupt viele alte Menschen in zahllosen anderen Dörfern auch. Aber es ist unmöglich, alle älteren Menschen auch nur eines Ortes ausführlich zu befragen, und so bleibt man zuletzt doch darauf angewiesen, einzelne Lebenserinnerungen beispielhaft herauszugreifen und für die kommenden Generationen zu erhalten. Gerade weil das Leben einzelner Handwerker oder Bauern sich nicht wesentlich von dem der Nachbarn und der übrigen Dorfbewohner unterschieden hat, kann es im nachhinein für die bäuerliche Lebensform einer Region oder eines Dorfes insgesamt stehen.

Deshalb wird in dem folgenden Aufsatz das Lebensbild des alten Ehepaares eingebettet in Schilderungen der bäuerlichen Lebensweise und Betrachtungen über deren Gegensatz zur modernen Alltagsgestaltung: Aus der ursprünglich geplanten Beschreibung einiger Sattlerwerkzeuge ist die Darstellung einer zuendegegangenen Lebensform und die Beschreibung eines außergewöhnlichen historischen Umbruchs geworden.

Bei der Beschreibung des Alltags von Christine und Wilhelm Schaub tritt das Leben des Mannes – wie so oft – vor dem der Frau in den Vordergrund. Das hat sich in diesem Fall aber nur deshalb ergeben, weil die ursprüngliche Absicht zunächst die erwähnte Beschreibung der Werkzeuge und der handwerklichen Aufgaben eines Sattlers war – allerdings auch, weil das Leben der Frauen auf den Dörfern im Allgemeinen ereignisärmer verlief, als das ihrer Männer. Es war aber um nichts weniger beachtenswert.

(Aus dem Vorwort zu der Dokumentation ›Aus dem Leben eines Dorfhandwerkers‹, erschienen 1987 in der Reihe ›Balhorner Hefte‹)

––––––––––––––––––––

» Ein stilles Leben (PDF)