Alte Grabmalkunst

Am östlichen Rand des Habichtswaldes im Norden von Hessen liegt das Dorf Besse. Es wurde um 850 n. Chr. zum ersten Mal urkundlich erwähnt und entwickelte sich später zu einem der größten und wohlhabendsten Dörfer der niederhessischen Landschaft. Im Mittelpunkt dieses Dorfes haben sich auf einem alten Wehrkirchhof bis zur Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts zehn Grabmale aus der Zeit von 1675 bis 1872 erhalten: Drei Steine aus dem späten 17. Jahrhundert, die an Renaissance-Epitaphien erinnern und in dieser Form auf ländlichen Friedhöfen relativ selten sind (1-3), ein Grabstein, der in seinem formalen Aufbau den Übergang vom ländlichen Renaissance- zum Barockstil widerspiegelt (4), zwei barocke Grabsteine, wie sie auf Kirchhöfen in Niederhessen und in anderen Gegenden Deutschlands relativ häufig zu finden sind (5, 6), drei barocke Grabplatten mit Ranken- und Rollwerkkartuschen (7-9) und ein moderner Grabstein, der als letzter Stein vor der Schließung des alten Totenhofes aufgestellt wurde und den städtischen Stil des späten 19. Jahrhunderts dokumentiert (10).

Von diesen zehn Grabmalen wurden noch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts drei Steine zerschlagen, weil man mit den Bruchstücken Ausbesserungsarbeiten in der Umgebung der Kirche ausführen wollte (3, 5, 7). Die übrigen Steine stehen heute eingefasst in der alten Wehrmauer um den Besser Kirchhof und in einem früheren Eingang des Kirchturms. Sie sind allerdings zum großen Teil verwittert und vermitteln in ihrem jetzigen Aussehen nur noch wenig von der Ausstrahlungskraft ihres ursprünglichen Erscheinungsbildes; die Steine waren dem Gebrauch früherer Jahrhunderte entsprechend sicher auch farblich gefasst.

Um die Besser Grabmale vor ihrer weiteren Zerstörung durch Umwelteinflüsse für kommende Zeiten zu dokumentieren, wurden sie 1981 im Rahmen einer Studienarbeit erstmals untersucht und inventarisiert, so dass die wichtigsten Gestaltungsmerkmale und die letzten noch lesbaren Inschriften zumindest im Bild erhalten bleiben konnten. Daraus entstand später eine kleine Kartenmappe mit zehn Postkarten. In einigen Fällen wurden die Steine zeichnerisch ergänzt, soweit es eine genaue Ermittlung des Originalzustandes zuließ. Die drei zerstörten Grabsteine wurden nach historischen Aufnahmen und einigen erhaltenen Grabsteinfragmenten rekonstruiert.

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» Der alte Kirchhof in Besse (Illustration)